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Fabeln

Der Müller, sein Sohn und der Esel

Zwar stammt, wie alle Kunst, der Fabeldichtung Blume
im ersten Keim aus griech'schen Altertume;
allein so wenig ist noch abgemäht das Feld,
dass gern auch unsereins hier Ährenlese hält.
Die Dichtung ist ein Land voll unbebauter Strecken,
wo täglich unser Auge Neues mag entdecken.
Ich habe zum Beweis dafür ein Stück dir auserwählt,
das seinem Freund, Racan, Malherbe einst hat erzählt.
Die zwei Poeten, sie war'n horazisch feine Geister
und Jünger des Apoll und, mehr noch, unsre Meister,
begegneten sich einst fern von der Welt Gebraus
und tauschten Lust und Leid und all ihr Denken aus.
Racan begann: »Willst du 'nen Rat mir geben?
Du kannst es, wenn du willst; du kennst das Leben,
die Altersstufen hast du alle durchgemacht
und stehst in Jahren, wo man über Furcht nur lacht.
Was tun? Zeit wär's, dass in Betracht wir' zögen –
du kennst mein Haus wie mein Talent und mein Vermögen:
Zieh' ich in die Provinz, aufs Land mich still zurück?
Such ich im Heeresdienst, bei Hof mein Glück?
Alles ist in der Welt gemischt aus Wohl und Wehe:
der Krieg hat seine Lust, ihr lästig Leid die Ehe.
Folgt' ich nur meinem Wunsch, ich wüßte, was ich möcht':
doch wie mach' ich's dem Hof, dem Volk, den Meinen recht?«

Malherbe drauf: »Es recht zu machen allen Leuten –
hör ein Geschichtchen, die Moral ist leicht zu deuten.
Von einem Müller las ich mal und seinem Sohn
jener ein Greis und dieser halb erwachsen schon
und fünfzehn Jahre alt. Einst sah man die zwei laufen;
sie gingen hin zum Markt, 'nen Esel zu verkaufen.
Damit das Tier hübsch frisch und recht preiswürdig sei,
banden sie ihm die Bein' und trugen es ganz frei
an einem Stock, wie man Kronleuchter pflegt zu tragen –
das dumme arme Volk, gewohnt, sich stets zu plagen!

Der erste, der sie sieht, bleibt staunend stehn und lacht:
»Was dieses Bauernvolk für dummes Zeug doch macht!
Wen von den drei'n soll man den größten Esel nennen?«
Der Müller mochte wohl die Torheit jetzt erkennen,
schnürt los das Tier und läßt's auf eignen Füßen gehn.
Laut schreit der Esel auf, er schien's nicht gern zu sehn;
der Müller hört nicht drauf, er läßt den Jungen reiten
und geht daneben her. Von biedren Handelsleuten
wird unser Paar gesehn; die ärgern sich darob,
und ihrer einer ruft dem Jungen zu ganz grob:
»Holla! Steig ab! Ein Bursch mit jugendlichen Mienen
läßt sich von einem Greis mit grauem Bart bedienen!
Der sollte reiten, du zu Fuße gehn!«
Der Müller spricht: »Ihr Herren, euer Wille soll geschehen.«
Der Knab' sitzt ab, und nun besteigt der Greis den Grauen.

Drei Mädchen kommen. »Ist das nicht 'ne Schmach zu schauen«,
sagt eine, »wie zu Fuß der arme Junge schwitzt,
indes der alte Tropf stolz wie ein Bischof sitzt,
sich reckt und räkelt, just als ob ein Kalb er wäre?«
»In meinem Alter«, sagt der Müller, »ist, auf Ehre,
man sicherlich kein Kalb! Geht eures Wegs nur fort!«
Nachdem noch hin und her geschimpft manch grobes Wort,
gibt nach der Greis und läßt auch noch den Jungen reiten.
Kaum dreißig Schritt, da kommt ein dritter Trupp von Leuten,
die spotten ihrer laut: »Seht nur die Toren!
Das Langohr kann nicht mehr und ist gewiss verloren!
Das arme Tier ist viel zu schwer beladen!
Nach langem, treuem Dienst verdient' es bessre Gnaden!
Die bringen ganz gewiss zu Markte nur das Fell!«
Der Müller sagt: »Ach ja! Ich seh' es klar und hell:
Nur ein Verrückter denkt es jedem recht zu machen.
Indes versuchen wir's – es ist zwar nur zum Lachen.
Lass sehn, ob's uns gelingt!« Sie steigen beide ab,
leer geht der Esel nun voraus in stolzem Trab.
Kommt wieder einer: »Ah! Bravo! Das muss ich sagen!
Spazieren geht der Esel, und der Müller muss sich plagen!
Ich rat' Euch, dass Ihr gleich in Gold ihn fasst!
Zerreißen ihre Schuh' und schonen ihren Grauen!«
Der Müller nun: »Ein Esel bin ich, ja, ich will's gesteh'n!
Allein von jetzt an wird das anders – Ihr sollt seh'n:
Wie auch die Welt von mir dann red', ob gut, ob schlecht,
ich tu' nach meinem Kopf!«Er tat's und er tat recht.

Du – geh zu Hofe, schwör zu Mars', zu Amors Fahnen,
steh, lauf, bleib hier, zieh dich zurück ins Schloss der Ahnen,
werde Geistlicher, Soldat, Geheimrat, nimm ein Weib, nimm keins,
dem Klatsch der Welt verfällst du doch – 's ist alles eins.»

Der Löwe und der Esel auf der Jagd (Äsop Phaedrus)

Als sein Geburtstag kam, wollte der Fürst der Tiere
behaglich pirschen in dem Waldreviere.
Des Löwen Widpret sind nicht Spatzen, nein,
das muss 'ne fette Sau, ein feistes Damwild sein.

Um möglichst bald zum Ziel zu kommen,
hat er den Esel mitgenommen,
des Stentorstimme, laut und voll,
der Majestät als Waldhorn dienen soll.
Der Löwe sagt, verdeckt von Busch und Blättern:
»Nun los mit dem Iah!« Er weiß genau:
Das scheucht die Mutigsten heraus aus ihrem Bau;
denn ungewohnt ist dieser Stimme Schmettern,
so ohr-und herzzerreißend laut.
Die Luft erdröhnte von dem fürchterlichen Schalle,
vor dessen Ungestüm des Walds Bewohnern graut;
sie fliehn, und blindlings gehen sie in die Falle;
der Löwe hat sie alle umgebracht.

»Heut hab' ich doch mein Meisterstück gemacht?«
der Esel spricht, als wäre er der Held der Jagd gewesen.
Der Löwe drauf, »geschrien hast du wirklich laut;
und kennt' ich dich nicht nach Gestalt und Wesen,
mir selber hätte es vor dir gegraut!«
Der Esel möchte schier vor Zorn erbeben,
da man ihn so mit Spott bezahlt'.

Unleidlich ist ein Esel, der da prahlt –
das ist ihm nun mal nicht gegeben

Der Esel und das Hündchen Äsop

Man wolle nie, was man nicht kann;
es wird doch nur verfehlte Sache.
Ein Tölpel wird, wie er's auch mache,
nie ein gewandter feiner Mann.

Nur wenigen ward, von Gott begnadet und erkoren,
der Gaben glücklichste, die Anmut, angeboren.
Wer es nicht hat, der soll es lassen,
statt wie der Esel sich gebärden,
der seines Herren Liebling wollte werden
und zärtlich sucht' ihn zu umfassen.
»Wie?« sprach er, da er einsam wandelt'.
»Das Hündchen wird, weil nett und lieb,
von unsrem Herrn und seiner Frau
wie ihresgleichen stets behandelt;
mir winkt der Knüppel nur. Ach schau!
Was tut er denn? Es gibt das Pfötchen,
und gleich küsst man den Kleinen hinterher.

Gewinnt auf diese Art man Lieb' und Zuckerbrötchen?
Ist denn das wirklich gar so schwer?«
Solchen Gedanken sich ergebend,
erblickt er seinen Herrn, läuft täppisch gleich herbei;
den abgetretnen Huf erhebend,
legt zärtlich er dem Herrn ans Kinn ihn frank und frei
und singt mit holder Stimm' ein schrecklich Lied dabei,
damit das Ganze würd'gen Abschluss fände.
»Hu, welche Zärtlichkeit! Was ist das für ein Gruß!
ruft jetzt der Herr. »Holla! Den Stecken her!«
Der Stecken wird gebracht, der Esel singt nicht mehr –
das war des Possenspielers Schluss.

Die beiden Esel Phaedrus

Zwei Esel gehn des Wegs; nur Hafer schleppte der,
doch jener trug viel Geld zum Amt der Steuern,
und stolz sich brüstend mit der goldnen Last, der teuren,
gäb’ er um keinen Preis die blanke Bürde her.
Er trabt gewicht’gen Schritts einher,
hell lässt er tönen sein Geläute.
Da plötzlich naht des Feindes Heer,
und da nach Gold nur ihr Begehr,
wirft auf das Steuerlasttier sich die ganze Meute
und reißt sich um die gute Beute.
Der Stolze leistet Gegenwehr,
doch schwer verwundet sinkt er hin und seufzt im Sterben:
«Das also ist mein Lohn? O trügerische Pracht!
Der schlechten Hafer trug, entrinnt jetzt dem Verderben,
und ich, ich sink’ in Todes Nacht!»
Da spricht zu ihm sein Freund, der gute:
«Nicht immer ist ein hohes Amt ein Glück, das glaube mir!
Wärst du, wie ich, ein armes Müllertier,
lägst du nicht hier in deinem Blute.»

Die Diebe und der Esel Hagedorn

Zwei Diebe prügelten um einen Esel sich,
den sie geraubt; behalten wollte ihn der eine, verkaufen
gleich der andre. Jämmerlich
zerbläut das edle Paar sich drum in blut’gem Raufen.
Ein dritter Spitzbub kommt zum Ort –
und führt den Meister Langohr fort.

Manch armes Land ist wohl dem Esel zu vergleichen,
und mancher Fürst aus fernen Reichen,
wie aus Sibirien, Ungarn oder der Türkei,
den Dieben. Statt der zwei sind’s manchmal drei –
nur allzu häufig ist die Sorte heute!
Doch von dem Kleeblatt fällt oft keinem zu die Beute:
Ein vierter Räuber kommt daher und – schnapp,
jagt er den Esel ihnen ab.

Der Esel, der Reliquien trägt

Ein Esel, der Reliquien trug,
War dumm genug,
Zu glauben, daß man ihn verehre;
Weihrauch und Lobgesänge nahm
Er hin, als ob man's ihm beschere.
Sprach einer, der dahinterkam:
»Herr Langohr, laßt die Eitelkeit,
Sie zeigt uns nur, wie dumm Ihr seid.
Wir singen nicht zu Eurem Ruhm,
Wir ehren hier das Heiligtum.«

Eitle Beamte tun mir leid:
Man grüßt nicht sie, man grüßt das Kleid.